L E B E N S – E R L E B N I S
Die erste Fahrt in den
Westen
Bericht von Siegfried Mitschard

Am 11.11.1989 meldete ich mich mit meinem Motorboot bei der Passkontrolleinheit in Timmendorf /Poel zur Einreise in die Grenzgewässer der DDR ab. Mein Schiff musste die Registriernr. C-1-1009 beiderseits am Vorschiff tragen. Ich hatte noch 7 Angler aus Schwerin zum Dorschangeln mitgenommen. An der damaligen Wracktonne angelten wir wie so oft , ohne einen Biß an der Angel. Neben unserer Angelei verfolgten wir über mein Bordradio (RSH) alles was in der Grenze zur BRD passierte. Der Eiserne-Vorhang wurde doch grade am 09.11. um 19,10 Uhr durch das ZK Mitgl. Scharbowski als aufgehoben erklärt. Als ich meine Gedanken zur Fahrt in den Westen aussprach, merkte ich das meine Besatzung und ich einer Meinung waren. Ich fragte jeden einzelnen, ob er mitkommen will.
Ich war mir auch darüber im klaren, dass das über die Grenze bringen von Menschen gegen deren Willen für mich fatale Folgen haben konnte. Nach einstimmiger Meinung schipperten wir mit knapp 4 Seemeilen Geschwindigkeit in westl. Richtung. Ohne Seekarte, nur mit einen Kompass. Wir hielten Ausschau nach den Grenztonnen, die mir durch das Westfernsehen bekannt waren. Es waren keine Tonnen in Sicht. Das eine Fernglas (6 x 30) machte seine Runde von einem zum anderen. Plötzlich war Unruhe und angebl. eine Tonne in Sicht. Als ich mich selbst überzeugte, bestätigte sich meine Vermutung, es war ein Paradieswächter. So nannten wir die großen Kriegsschiffe der DDR. Dieser stand genau am Horizont mit der Bugspitze auf meinem Kurs. Meine Kursänderung zur Küste um dort im flachen Wasser zum Westen zu kommen war nicht gut, den diese Schiffe hatten ja schnelle Schlauchboote an Bord. Also stellten wir fest, sie haben uns. Ich richtete meinen Kurs auf das große Schiff in der Hoffnung, es wird schon klappen.
Als wir uns dem Schiff näherten legte er sich breitseits in meinen Kurs, und ich sah auch die schwarz-weiß karierte Flagge, die mich zum Längsseite-Kommen aufforderte. Die Besatzung war in Dienstuniform und bewaffnet. Auf der Brücke standen Offiziere. Ein großer dunkeler Offizier fragte nach den Bootsführer, als ich mich meldete, fragte er wo wollen sie hin? In den westen antwortete ich. Er fragte ob ich mich im Heimathafen ausklariert habe ? Ich antwortete mit ja. Darauf entschuldigte er sich fast dafür, dass er erst nachfragen müsste, das könnte aber zirka 10 Minuten dauern. Ich meinte leise, es macht ja nicht, wir haben ja Zeit. Nach 5 Minuten kam er wieder raus und entschuldigte sich abermals das ich warten müsse , der Funkverkehr sei so überlastet, das es erhebliche Probleme gibt. Um 11,01 Uhr sagte er OK sie können passieren und gute Reise. Ich habe den Motor gestartet und wir fuhren los. Die Freude an Bord war groß, wir alle haben erst mal richtig geheult.
Mit einem Bier und Köm haben wir dieses begossen, die zweite Lage gab es gleich danach um 11.11 Uhr auf den 11.11. danach setzten wir unsere fahrt fort. Nach zirka 1,5 Std. waren auch die gesuchten Grenztonnen in Sicht. Noch mal einen Blick nach achtern, ob der Paradieswächter uns nicht folgte. Wir hatten es geschafft. Ich glaube mein Adrealinspiegel war höher als je zuvor. Unser Biervorrat war sichtlich kleiner geworden, sodass ich ein sofortiges Alkoholverbot anweisen musste. Als nächstes haben wir die alte DDR Flagge am Schiff gegen eine neue ausgetauscht und waren gespannt, was jetzt auf uns zukommt. Die Sicht war vorrübergehend etwas schlechter geworden. Trotzdem hatten die jüngeren ein Schiff in etwa 10 Grad Steuerbord gesehen.
Ich steuerte in diese Richtung und näherte mich einem großen weißen Schiff, das ich für ein Segelboot hielt. Es war ein Fischkutter der gerade seine Netze über die winden einholte. Als wir den Skipper nach einen Ort und einen Sportboothafen fragten, schaute er auf unserer Flagge und war sehr überrascht. Er meinte den Lappen hatte er noch garrnicht gesehen, darauf müssten wir einen trinken. Unser Alkoholverbot galt aber noch, alle haben sich daran gehalten. Er meinte wir könnten nach Grömitz, Neustadt oder Lübeck fahren. Er würde uns Neustadt empfehlen dort gäbe es die besseren Menschen. Mit einem Handzeichen zeigte er uns die Richtung, meinte in zirka 30 Minuten sehen wir einen Turm auf der Steuerbordseite, danach kommt die Untiefentonne Pelzerhaken. Bis zum Neustädter Fahrwasser ist es dann nicht wehr weit. Weitere 15 bis 20 Minuten kam eine Motoryacht mit sehr schneller Fahrt, stoppte am Heck meines Schiffes und drehte bei. Er kam längsseits und versicherte sich ob die Flagge richtig sei.
Ein zweiter auf seinem Schiff kam mit einem Tablett gefüllter Sektgläser und wir prosteten uns alle zu. Wir erzählten ihnen dass wir nach Neustadt wollen und er schloss sich uns an. Er zeigte uns den Weg und drehte nach kurzer Zeit bei. Du bist so langsam. Meine Motore werden heiß, kann ich dich nicht schleppen? Er schleppte uns bis kurz vor Neustadt und schmiss die Leine los. Hier kannst du alleine reinfahren, fahre bis zur Brücke und lege rechts oder links irgendwo an. Ich weiß nicht ob der freundliche Fischer oder die Motoryacht unser einlaufen in Neustadt über Funk ankündigten. Die Menschen an den Kais haben uns mit Mützen und Jacken zugewunken. Nachdem wir im Hafen festgemacht hatten umarmten wir uns mit den Neustädten und die Tränen waren auf beiden Seiten wieder da. Auch die Polizei begrüßte uns herzlich und fragte ob wir nicht die 100 Mark Begrüßungsgeld holen wollen? Was wir natürlich sofort taten.
Auf meinem Schiff lagen inzwischen div. Kleidung und Blumen. Ein freundlicher Arbeitsloser (so stellte er sich vor) hat uns Neustadt gezeigt, wir waren auch noch auf einer Messe. Weit nach Mitternacht gingen wir schlafen.
Es dauerte nicht lange als wieder Stimmen zu hören waren, Wieder kamen Neustädter, die sich mit uns über die Wiedervereinigung freuten. Ich lernte Herrn Bollmann vom Neustädter NSV kenn der uns zum Frühstück in die gegenüberliegende Gaststätte eingeladen hatte. Den Kaffe spendete die Wirtin. Auch der Hafenmeister kümmerte sich sehr um uns. Nach unserem Frühstück wollten wir die Heimfahrt antreten, aber es fehlten einige Angeln. Nach eintreffen der Polizei äußerten wir unseren Verdacht und nach kurzer Zeit waren die Angeln wieder an Bord. Wir machten noch eine Bekanntschaft mit einer Motoryacht, (Architekt aus Lübeck) der gerne mit nach Wismar wollte. Aber wie? Wir einigten uns, das mein Schiff Getriebeschaden hatte und er solle mich nach Wismar schleppen. Über UKW Seefunk fragte er bei den Grenzbehörden vorsichtig an.
Diese teilten Ihm mit, dass er mich bis zur Grenze bringen kann, von dort übernehmen sie mich. Er schleppte mich zur Grenze, aber es war kein DDR Schiff in Sicht. Eine nochmalige Nachfrage bei den DDR Behörden hatte zur Folge, das Ihm die Einreise in die DDR strikt untersagt wurde. Wir verabschiedeten uns von einander und ich schipperte in Richtung Osten. Am späten Nachmittag näherten wir uns wieder der Wracktonne dort lagen zwei Schiffe. Eins gehörte zur Grenzbrigade das andere war unser graue Wolf der Wasserschutzpolizei Wismar. Beide signalisierten mir „Kommen sie Längsseits“. Ich steuerte das Polizeiboot an und musste an Bord kommen. Ich war sichtlich erleichtert als ich dort bekannte Polizisten sah. Loggi sagte mir, dass er mich nach Wismar bringen soll. Ich antwortete mit einer Gegenfrage: Was passier da mit mir? Ich erhielt keine Antwort. Ich machte sie darauf aufmerksam das ich mein Boot im Herbst immer in Timmendorf habe und die Trabbis meiner Besatzung dort abgestellt sind. Diesbezüglich fragten die Polizisten über Funk nach, aber eine kräftige Stimme sagte: Die „Latovia“ kommt nach Wismar. Einer der Polizisten meinte, mir könnte doch nicht viel passieren, seit zwei tagen ist die gesamte DDR im Westen.
Sie vermuteten, das der Zoll sich mit uns befassen will. Ich fühlte mich trotzdem als verhaftet. Sie machten mir klar, das sie nur Ihren Dienst machen und es sei jetzt Ihre Pflicht mich nach Wismar zu bringen. Sie halten auch solchen Abstand, das es nicht nach einer Festnahme aussieht. Im Hafen von Wismar hat das Polizeiboot durch anstrahlen der Kai den Liegeplatz zugewiesen.
Während wir die 2 Stunden nach Wismar schifften sortierte meine Mannschaft unser Geschenke und schraubte in der Achterkajüte eine Deckplatte ab, unter der wir die verbotenen Beate U. Zeitschriften und Kassetten versteckten. Als das Schiff festgemacht war kam jemand von der Passkontrolleinheit ( PKE ) und zählte die Mannschaft und Personalausweise. Nachdem er keine Beanstandungen hatte, wollte er das Bordbuch mit seinem Kontrollvermerk abstempeln, aber er hatte den Stempel vergessen. Er sagte, dass er in die Dienstelle gehe und dort das Bordbuch abstempeln würde. Auf meine Bitte das Bordbuch nicht mitzunehmen, sondern den Stempel zu holen , nickte er verständnisvoll.
Der Verlust des Bordbuches hätte für mich ein Aus auf der Wismarer Bucht bedeutet. Als das alles erledigt war kam ein junger Zollbeamter an Bord, und fragte ob wir etwas zu verzollen hätten. Ich zeigte Ihm die zwei Säcke mit Kleidung etliche Brause, Cola und Bierdosen, die er bestaunte. Ich wollte Ihm eine Dose schenken, aber er schüttelte den Kopf. Er fragte noch wo wir nun eigentlich waren und fand das alles prima. Er verabschiedete sich freundlich und ich durfte mit meinem Schiff bis nächsten Tag 16.00 Uhr im alten Hafen liegen bleiben.
Nach zwei Tagen hatte ich meine Reise eigentlich schon abgehackt, wenn nicht ein leitender Offizier der Wasserschutzpolizei mein Erschienen mit dem Bordbuch durch meinen Betrieb veranlasste. Er wusste, dass mein Schiff keine Küstenfahrt eingetragen hatte, die hatten nur einige Segelyachten, andere bekamen so etwas nicht. Da Herr Hausold mein Schiff kannte, und wusste, dass ich alle Bedingungen der DDR Sportbootanordnung erfüllte hat er mir diese Küstenfahrt rückwirkend eingetragen. Damit ging ich eine Woche später zur Wasserschutzpolizei. Ich war nach 10 Minuten wieder draußen, der damalige Genosse meinte nur, dass er sich über die Zulassung des Bootes erkundigt habe und es sei alles in Ordnung. Bis heute gab es mehrere Treffen mit den Neustädter NSV und private Freundschaften werden immer noch gepflegt. Mittlerweile bin ich mir auch ziemlich sicher, dass ich das erste Sportboot der DDR war, dass nach der Wende in den Westen schipperte.
