Sommertörn 2001
Es berichtet die "New Sailing Venture"...
...von Delfinen und mehr...
345,3 Meilen stehen am Ende auf der Anzeige meines GPS. Das ist für 19 Törntage sicher kein Weltrekord, doch über den Atlantik kann mich ja nächstes Jahr jemand anderes segeln.
In Richtung der aufgehenden Sonne und zurück. Das war die grobe Törnplanung. Dass das Baltikum wohl etwas zu weit wäre, leuchtete von vornherein ein, aber eine Umrundung der größten deutschen Insel sollte wohl angepeilt werden.
Stürmischer Wind am zweiten Törntag
Zunächst segelt man mich am 12. August 2001 nach Timmendorf/Poel. Standardsprungbrett für Fahrten gen Osten. Dort beweisen Marlitt und Dennis Geschick und legen mich gleich rechts um die Ecke in den Schatten der Steinmole, denn für den nächsten Tag sind stürmische Winde vorhergesagt. Strömender Regen und der angesagte Wind aus Südwest bis West beschert den Schiffen in den Boxen einen unruhigen Tag.
In Timmendorf bekomme ich Gesellschaft. Die "nadamas", eine Sprinta Sport (Dennis Regattaschiff) wird uns die nächsten sechs Tage begleiten. Mehr oder weniger zufällig peilte man einen ähnlichen Törn an.
Seebrücke Kühlungsborn unter Spi passiert
Nach einem "eingewehten" Tag kann es dann auch weitergehen. Ziel Warnemünde. Unterwegs wechseln die Bedingungen ständig zwischen frischem Wind und totaler Flaute, so dass mein Motor auch gelegentlich bemüht werden muss. Vor Kühlungsborn reicht die Brise jedoch, um publikumswirksam unter Spinnaker in nur wenigen Metern Abstand die Seebrücke zu passieren. Dass wir im Konvoi fahren, verstärkt den Effekt natürlich.
Gegenüber der Sprinta macht sich bei diesen Bedingungen mein "Idealgewicht" bemerkbar. Schwacher Wind lässt mich immer deutlich zurückfallen. Deprimierend! Somit werden wir "zweiter" in Warnemünde und dürfen uns ein kuscheliges Plätzchen direkt neben der "Scandlines-Fähre" suchen. Der Alte Strom war leider schon randvoll. Die Nacht ist trotzdem ruhig. Dass man im Warnemünder Yachthafen jedoch auch andere Bedingungen erleben kann, sollten wir auf der Rücktour zu spüren bekommen. Doch dazu später mehr.
Links rum oder rechts rum?
Den nächsten Wegpunkt peilen die meisten wohl deshalb an, weil die Entfernung zum nächsten Hafen östlich von Warnemünde für eine Tagesstrecke zu groß ist. Andererseits war auch diesmal Darsser Ort als Naturhafen der wohl reizvollste Liegeplatz. Spät einlaufend erwischen wir dann noch den letzten Platz an einer der Mooring-Bojen. Das Abendprogramm für meine Besatzung besteht schließlich darin, sich einmal von oben bis unten von Mücken zerstechen zu lassen. Merkwürdige Beschäftigung...
Auf der Weiterfahrt Richtung Hiddensee musste dann die Entscheidung getroffen werden, ob Rügen links herum oder rechtsherum umfahren werden soll. Die Entscheidung fällt letztendlich auf die erste Alternative über Stralsund und dann weiter durch den Strelasund in die Boddengewässer südlich von Rügen. Mittelmeerwetter, leider verbunden mit entsprechend wenig Wind macht die Fahrt Darsser Ort – Barhöft zu einem zeitweiligen Badevergnügen. Beim Abhören des Wetterberichts auf UKW bekommt meine Crew dann noch die wichtige Information, dass die Ziegelgrabenbrücke, welche in Stralsund Rügen mit dem Festland verbindet zur Zeit auf Grund eines Hydraulikdefekts statt wie bisher fünf mal am Tag nur zwei Mal pro Woche (!) geöffnet wird. Wie sagt man so schön: "Das Glück is mit die Dummen", es ist Mittwoch und Donnerstags um 21.30 soll sie sich öffnen. Passt hervorragend. So folgt nach nur 8 nM von Barhöft nach Stralsund und einem Stadtspaziergang am nächsten Abend die Durchfahrt. Ein überwältigendes Schauspiel. Schon allein deshalb, weil einige der Segler auf grund der langen Wartezeit erhebliches Frustpotential angesammelt haben. Um ihrem Ärger Luft zu machen, benehmen sich einige wie an der Startlinie zu einer überaus wichtigen Regatta. "Hebel auf den Tisch und schnell noch ein paar Plätze gutmachen um einen der begehrten Boxen im Segelclub auf der anderen Seite der Brücke zu ergattern" hieß die Devise. Der Hafen bleibt halb leer.
Kreuzen durch den Strelasund
Stralsund gefällt meiner Crew so gut, dass sie mir einen Tag Ruhe in Stralsund gönnen und sie selbst eine Stadterkundung unternehmen.
Für die "nadamas"-Besatzung ist am nächsten Tag der Urlaub zu ende und so werde ich für die Kreuz durch den teilweise recht engen Strelasund gegen anfangs 4 Beaufort mit der Genua II ausgestattet und nun allein geht es weiter Richtung Lauterbach auf Rügen. Anfangs gibt es noch die Überlegung den Greifswalder Bodden anzusteuern und Usedom einen Besuch abzustatten... beim nächsten Mal. Auch Lauterbach beschert mir wieder einen Liegetag im Hafen, denn Marlitt und Dennis müssen natürlich Puttbus, Jagdschloss Granitz und das altehrwürdige Seebad Binz "erschlagen".
Da der südöstliche Zipfel Rügens (Mönchsgut) landschaftlich sehr reizvoll sein soll, werde ich am nächsten Tag nur neun Meilen weiter nach Gager verholt. Die Entscheidung war klug, denn zeitweise stehen wir uns ganz schön die Beine in den Bauch. Unspektakulär verläuft dann der folgende Tag. 30 nM nach Saßnitz. Wir sind ja vorher gewarnt worden. "Fahrt bloß nicht nach Saßnitz", hieß es. Und siehe da, es lohnt sich wirklich nicht. Öder Fischereihafen, furchtbare Stadt, jedenfalls noch, denn eigentlich besteht die gesamte Stadt aus einer großen Baustelle.
37 Meilen in 6 Stunden
Meine Crew klagt am nächsten Morgen über eine nicht ganz durchschlafene Nacht, das einzige, an was ich mich erinnere sind die lieblichen Klänge einer um 4.30 Uhr auslaufenden Fischereiflotte gepaart mit der Vielstimmigkeit einer Heerschar an Möwen. Dafür bessert sich die Laune auf der Fahrt von Saßnitz nach Vitte auf Hiddensee. Nach einem kurzen "Holeschlag" am Wind können wir abfallen und den Spinnaker setzen. Er bleibt oben, während wir die Nordostspitze Rügens umrunden, vorbei an den Kreidefelsen und den Türmen von Kap Arkona. Geborgen wird er erst kurz vor dem Fahrwasser zwischen Rügen und Hiddensee. Der Wind dreht "mit uns" von Südost auf Ost und weht zwischen 4-6 Beaufort. Wir schaffen die Strecke von 37 Meilen in sechs Stunden. Das bedeutet, ich bin im Schnitt etwa 6,15 Knoten über Grund gelaufen. Sensationell!
Hiddensee ist dann so schön, dass die hohen Hafengebühren nicht abschrecken können. Hafentag auf Hiddensee. Der Inselnorden wird "fertiggemacht". Auf dem Programm stehen unter anderem die Orte Vitte und Kloster. Über die übrigen Aktivitäten liest man später im Logbuch: "Die Nordspitze ist absolut sehenswert. Der sogenannte ‚Dornbusch’ mit seinem Leuchtturm ist teilweise Nationalpark. Wunderschöne karge Natur mit viel Sanddorn, Dünengewächsen und einer Steilküste mit atemberaubender Schönheit".
Rückweg
Vielleicht ist eines bisher nicht richtig deutlich geworden, der Wind kam bisher immer (mit Ausnahme eines Tages) von hinten. Aus West auf dem Hinweg, aus Ost auf dem Rückweg. Daran soll sich auch bis Neustadt nichts mehr ändern. So folgen zwei Ereignislose Segeltage über Darsser Ort nach Warnemünde. Flauer Wind von hinten bedeutet, dass "der Einarmige" (so nennt die Crew liebevoll die Automatiksteuerung) häufig beschäftigt wird. Bootsputz kann erledigt werden! Ereignisreich ist dann doch noch das Bergen eines aufblasbaren Gummiballs vor der Warnemünder Mole (Position N 540 11,481’, E 0120 05,454’).
Sturm
Ein Hafentag in Warnemünde war geplant und wie es der Zufall will wehen wir am nächsten Tag ein. Böen bis zu zehn Windstärken ziehen über uns hinweg und da schon vormittags das Geschirr regelrecht vom Tisch hopst, wird beschlossen, mich in ruhigere Gefilde zu verholen und wir verkriechen uns bis in den Stadthafen nach Rostock. Also sehen Marlitt und Dennis noch die Hansestadt Rostock. Sie gefällt.
Delfine
Im weiteren Verlauf des Rückwegs sollen wir noch Zeuge eines besonderen Naturschauspiels werden. Was zunächst wie banale Schweinswale aussieht (immerhin sind die in der Ostsee heimisch) entpuppt sich auf Position N 530 59,5’, E 110 22,3’, vor der Ansteuerungstonne Timmendorf als zwei Delfine. Ein beeindruckendes Schauspiel. Vor der Ostseeküste Mecklenburgs spielen zwei Delfine mit mir, als seien wir im Mittelmeer, oder sonst wo. Sie schwimmen um das Schiff herum, springen, strecken den Schnabel aus dem Wasser als posierten sie für ein Foto, spielen mit der Strömung rund um Kiel und Ruderblatt, kurz: Sie tun all das, was sicher auch im Drehbuch für jede Flipperfolge stand. Die "Erstsichter" sind wir dann aber doch nicht. Wie wir der Ostseezeitung am nächsten Morgen entnehmen, hat fast jedes Schiff, das vor uns eingelaufen war, ein ähnliches Erlebnis gehabt. Ein per Digitalkamera aufgenommenes Foto schmückt sogar die Titelseite.
8,89 Knoten kurz vor der Rückkehr
Die Windrichtung stimmt auch am letzten Tag und so erreichen wir auf einer Welle kurz vor der Neustädter Bucht unter Spi noch die Maximalgeschwindigkeit, die währen des gesamten Törns auf der Logge stand. 8,89 Knoten!
Am Nachmittag des 30. August 2001 fühle ich dann heimisches Wasser unter dem Rumpf und das Logbuch gibt her: "17.00: fest in Neustadt".
Zu guter letzt noch eine Anmerkung an alle die, die befähigt und berechtigt sind und irgendwann sein werden, dieses Schiff zu bewegen. Nutzt es, Fahrtensegeln macht Spaß!
Gedanken des Dickschiffs aufgezeichnet von Dennis T. Jahnke